Dienstag, 24. April 2018
Sie kommen, dich zu holen!
„Sarah, du bist verflucht. Dein Baby haben wir, deinen Mann haben wir. An deinen Händen klebt unser Blut, das Blut derer, die mit den Waffen deines Mannes getötet wurden und du bist die nächste, die dafür büßen muss.“ So oder so ähnlich sprechen die Geister. Sie bedienen sich eines Mediums, dem sich Sarah Winchester in ihrer großen Trauer anvertraut. Töchterchen Annie wird nur sechs Wochen alt und ihr geliebter Gatte, Waffenfabrikant William Winchester, stirbt mit vierundvierzig Jahren. Sarah ist verzweifelt. Warum muss sie so leiden? Sie flüchtet sich in die Spiritualität, die sich in der Zeit nach dem Civil War großer Beliebtheit erfreut. Geisterbeschwörungen und Séancen werden allerorts abgehalten, denn viele Hinterbliebene suchen die Nähe ihrer im Krieg gefallenen Liebsten. So ist der Weg, den Sarah wählt, kein ungewöhnlicher in dieser Zeit.



Sarah hat Angst. Wie kann sie sich retten? Auch auf diese Frage weiß das Medium ein Antwort: „Zieh nach Westen und bau uns, den Geistern der Opfer deines Mannes, ein Haus. Solange du baust, darfst du leben.“ Sarah ist Erbin eines riesigen Vermögens; sie gehorcht, zieht nach San José, kauft ein Farmhaus, baut aus und an und um und baut und baut und baut. Achtunddreißig Jahre lang, rund um die Uhr, nur kurz unterbrochen durch ein Erdbeben im Jahre 1906, das Sarah dem Zorn der Geister zuschreibt. Sarah glaubt, die Geister seien unzufrieden, weil sie zu viel Zeit mit Renovierung und Dekoration verbringt und das Haus bald fertig ist. Also baut sie weiter an und verschließt die zerstörten Räume – so werden die Arbeiten nie ein Ende finden. Um die Geister zu verwirren, schläft sie jede Nacht in einem anderen der einhundertsechzig Zimmer: Sie werden mich nicht finden!



Soweit in etwa die Legende. Aber als ich heute das berühmte Winchester House betrete, fühle ich mich sofort wohl in den sonnendurchfluteten Räumen des Anbaus. Sarah hat scheinbar ohne Gesamtkonzept mit Oberlichtern, Fenstern, Erkern, Balkonen und Raumideen experimentiert; darum enden manche Treppen an der Zimmerdecke, Gänge führen ins Leere und Türen ins Nirgendwo (die Legende sagt allerdings, dass dieses Labyrinth der Täuschung von Geistern diente). Der Anbau gefällt mir sehr, ganz im Gegensatz zum Altbau, der beim Erdbeben beschädigt wurde, jetzt aber wieder besichtigt werden kann. Ich für meinen Teil hätte mich immer lieber im hellen Neubau aufgehalten und das dunkle ehemalige Farmhaus eher gemieden.



Die Legende macht uns glauben, dass das Winchester House die traurige Geschichte einer verwirrten reichen Frau erzählt. Besucher aus der ganzen Welt wundern sich über Sarahs Verrücktheiten, aber ich denke still bei mir: Was, wenn sie alle zum Narren gehalten hat und einfach nur Spaß am Bauen hatte oder einen Plan verfolgte, den niemand verstand? Was, wenn dieses Projekt ihr Lebensinhalt, ihr Hobby war? Vielleicht brauchte sie nur einen Vorwand, um hemmungslos tun zu können, was ihr gefiel – wer weiß das schon. Vielleicht ist die Legende auch nur eine geniale Marketingidee und Sarah hat der Nachwelt mit voller Absicht ein Rätsel hinterlassen, das noch immer darauf wartet, gelöst zu werden...

PS: Aber im Keller spukt es, das habe ich gespürt.

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Montag, 23. April 2018
Das pure Vergnügen
Ich fühle mich wie Chill-Out-Musik sich anhört – total entspannt. Der Tag geht so dahin mit einem ausgedehnten Frühstück, Zeitung lesen, telefonieren, Mails beantworten, Training, Sonnenbaden, Lektüre und einkaufen. Abends essen wir Tacos, ich schreibe und schließlich sehen wir uns noch einen Krimi via Mediathek an.

Auch mal schön, so ein paar Tage Ruhe, nachdem uns sonst fast jeder Tag mit neuen Erlebnissen überrascht. Ich verliere mich in meinem Buch, vergesse alles um mich herum und dann lese ich diesen wunderbaren Satz über Beziehungen: „Man lernt das pure Vergnügen schätzen, einen anderen Menschen um sich zu haben.“ Ja, Arnd, es ist ein großes Vergnügen, dich um mich zu haben. Es ist das pure Vergnügen, mit dir durchs Leben zu reisen.

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Sonntag, 22. April 2018
Back to Business
Stundenlang feile ich an einer geschäftlichen E-Mail. Inzwischen habe ich vier Entwürfe gespeichert und bin mit keinem zufrieden; es ist 20 Uhr und Arnd braucht neue Zigaretten. Die Pause wird helfen, ich begleite ihn zur Tankstelle. Zurück im Apartment brate ich Fleisch, dann essen wir und schließlich schaffe ich es doch noch, einen akzeptablen Text abzuschicken. Puh, schwere Geburt!

Tagsüber sind wir quasi im Trainingslager. Arnd will fit werden fürs Segeln und ich, weil´s besser ist. Dann noch in die Sonne und lesen. Ich vertiefe mich in „Die Canterbury Schwestern“ von Kim Wright, ein Buch, das meine jüngste Schwester mir geliehen hat. Neun Frauen pilgern von London nach Canterbury und erzählen sich unterwegs Geschichten. Zwei Sätze beschäftigen mich: „Keine Frau erkennt ihren eigenen Mythos“ und „Männer mögen es nicht, gesehen zu werden.“ Interessante Gedanken, die Arnd aber gerade nicht mit mir diskutieren will. Schade.

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